Artikel capital.de vom 17. Mai 2018

Ansprechen statt aussitzen: 3 Erfolgsprinzipien für bessere Führungskräfte

Gute Führungskräfte zeigen und fordern Haltung – das ist ein wichtiger Aspekt, der sie von den Feiglingen, den Ja-Sagern, Lügenbaronen und Angsthasen der Chefetage unterscheidet. Führungskräfte mit Klarheit und Courage erkennen, wie wichtig es ist, Probleme nicht feige auszusitzen, sondern sie mutig anzusprechen. Mit den 3 Erfolgsprinzipien für mutige Führungskräfte zeigt Nicole Pathé, wie Sie in Unternehmen eine Mutkultur etablieren, in der jeder seine Meinung sagen darf.
„Wie zufrieden sind Sie mit unserer Zusammenarbeit? Da wir uns schon lange kennen, würde ich mich über ein ehrliches Feedback freuen.« Mit diesen Worten beendete der Vorstand das Zielvereinbarungsgespräch mit Herrn Mohr, einem seiner Bereichsleiter. Bis vor einem halben Jahr waren sie noch Kollegen gewesen und so verstand Herr Mohr die Aufforderung zum Feedback als Ausdruck von Verbundenheit und Wertschätzung. Also sagte er, was er dachte: „Herr Vorstand, ich freue mich über Ihr Interesse an meiner Rückmeldung. Gut gefällt mir die engere Taktung unserer Teammeetings. Sinnvoll finde ich auch Ihre Entscheidung, die Meetings an wechselnden Standorten stattfinden zu lassen. So lernt jeder von uns nach und nach die Dienstsitze der Kollegen kennen. Bei den letzten Treffen haben sie uns sehr viele Informationen gegeben, was dazu führte, dass Sie einen hohen Redeanteil hatten. Das ging leider zulasten unserer Besprechungs- und Diskussionszeit. Vielleicht wäre es eine gute Idee, wenn Sie uns die Infos vorab per Mail senden könnten. Dann gewinnen wir mehr Zeit für den persönlichen Austausch.«

Während seiner Ausführungen blickte der Vorstand Herrn Mohr ausdruckslos an. Dann verschränkte er die Arme, holte tief Luft und sagte: „Hm. Verstehe – Sie halten meine Informationen eher für unwichtig. Ich glaube allerdings kaum, dass jemand vorab all die Unterlagen lesen würde. Aber gut – kommende Woche nehme ich ja an Ihrem Teammeeting teil und bin jetzt schon gespannt, wie Sie das in Ihrem eigenen Verantwortungsbereich handhaben. Frustriert verließ Herr Mohr das Vorstandsbüro: „Das passiert mir nicht noch einmal – erst bittet er um Feedback und dann reagiert er wie eine beleidigte Leberwurst.“

Ehrlich gesagt, ist Ehrlichkeit gerade unangebracht

In Unternehmen wird häufig zur Ehrlichkeit aufgefordert. Doch wenn der Appell tatsächlich ernst genommen wird und zu ehrlicher Kritik führt, wird dieses auf unangenehme Art zurückgewiesen. Sie wollen nicht zu den Feiglingen gehören, die die Meinung anderer sabotieren, überhören oder nicht wertschätzen? Und genauso wollen Sie auch Ihre Meinung nicht „runterschlucken“, sondern Dinge mutig und klar ansprechen – mit dem richtigen Grat an Ehrlichkeit? Dann beherzigen Sie die folgenden drei Prinzipien:

Prinzip 1: „Alles, was ich sage, muss wahr sein, aber nicht alles, was wahr ist, muss ich sagen.“

Obwohl ich ein großer Freund von Ehrlichkeit bin, empfehle ich niemandem, immer und überall ehrlich seine Meinung auszudrücken. Auch nicht, wenn er darum gebeten wird. Ehrlichkeit und Verantwortung sind eng miteinander verbunden. Grundsätzlich beschreibt Verantwortung die Verpflichtung, für seine Worte, Handlungen und ihre Folgen einzustehen. In Verbindung mit Ehrlichkeit bedeutet dies, dass sich jede Führungskraft und jeder Mitarbeiter im Vorfeld überlegen sollte, welche Folgen seine Ehrlichkeit auslöst. Wieviel Ehrlichkeit können Sie verantworten?
Stellen Sie sich dazu die folgenden drei Fragen:

1. Welche Auswirkungen (auf Mitarbeiter, das Unternehmen und auf Ihre eigene Person) hat es, das Feedback oder die eigene Meinungsäußerung zurückzuhalten?
2. Mit welcher Reaktion ist zu rechnen, wenn kritische Punkte benannt werden?
3. In welchem Verhältnis stehen die Auswirkungen und die zu erwartende Reaktion zueinander?

Die Antworten auf diese Fragen bieten Ihnen eine Orientierung, wie ehrlich Sie Ihre Meinung kundtun können und was Sie vielleicht besser für sich behalten sollten. Denn: Ehrliche Personen „dürfen“ auch Dinge verschweigen. Entscheidend für Ehrlichkeit ist, dass das, was sie sagen, tatsächlich ihrem Denken und Fühlen entspricht.

Prinzip 2: „Beim dritten Mal gibt es kein Vertun, keine Ausreden, kein Aufschieben!“

Führungskraft ist, wer es auch in schwierigen Situationen schafft, früh genug die Kurve zu kriegen – vom Schweigen zum Reden. Dabei hilft die goldene 3er-Regel:
• Schritt 1: Sie nehmen ein Verhalten wahr, das Sie stört.
• Schritt 2: Sie nehmen das gleiche Verhalten derselben Person erneut wahr. Da es das zweite Mal ist, nehmen Sie sich vor, es anzusprechen, falls es ein weiteres Mal passiert.
• Schritt 3: Die Person zeigt das Verhalten zum dritten Mal. Sie sprechen es an: wertschätzend, beschreibend und direkt!
Prinzip 3: „Kompetente Führungskräfte sind mutige Feedbackgeber und -nehmer.“

Feiglinge drücken sich vor der Selbst- und Fremdreflektion – schließlich kann die Wahrheit oftmals schmerzhaft sein. Für kompetente Führungskräfte hingegen ist Feedback in beide Richtungen eine Selbstverständlichkeit. Je deutlicher die Rückmeldungen sind, desto besser ermöglichen sie zu erkennen, inwieweit ein Verhalten Bestätigung findet, Kritik erfährt oder Unzufriedenheit auslöst. Führen impliziert, dass Mitarbeiter folgen. Feedbacks bieten die Chance zu verstehen, mit welchen Verhaltensweisen eine Führungskraft zum Folgen einlädt und wodurch sie es Mitarbeitern schwermacht, mitzugehen.
Fazit: Probleme aussitzen ist was für Feiglinge. Kompetente Führungskräfte sprechen sie an – auch, wenn es wehtut. Feedback ist eine Chance, idealerweise für alle Mitarbeiter und Führungskräfte eines Unternehmens. Jeder sollte erfahren dürfen, wie sein Verhalten von anderen wahrgenommen wird. Das macht eine Feedbackkultur aus, die von Klarheit und Courage gekennzeichnet ist – und zwar über alle Hierarchien hinweg.

Autorenprofil
Nicole Pathé ist Trainerin, Coach, Speakerin und Expertin für das Thema „Klarheit und Courage im Business“. Im Herbst 2017 erschien ihr Buch „Feigling oder Führungskraft – Wie Sie mit Klarheit und Courage Menschen gewinnen“ im Gabal Verlag.
Weitere Informationen unter www.pingcom.de.